Die Luft, die wir atmen

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Pro Jahr kommt es in Europa aufgrund der Feinstaubbelastung zu 400.000 frühzeitigen Todesfällen. Auch das kürzlich u.a. an der Universität Wien abgeschlossene EU-Projekt SEFIRA zeigt, dass hier dringender Handlungsbedarf besteht. (Bild: Smog über London, Foto: David Holt, Flickr.com/) 

 

400.000 frühzeitige Todesfälle werden in Europa pro Jahr auf Feinstaub zurückgeführt. Einer der Hauptverursacher von Feinstaub ist, entgegen landläufiger Meinung, die Großlandwirtschaft. Handlungsbedarf besteht nicht nur seitens der EU, sondern auch bei den BürgerInnen selbst, sagt Soziologe Yuri Kazepov.

Wer, glauben Sie, ist der größere Verursacher von Luftverschmutzung in Europa, Industrie oder Landwirtschaft? Sie meinen die Industrie? Dann sind Sie derselben Meinung wie der Großteil der im EU-Projekt SEFIRA befragten 16.000 EU-BürgerInnen.

Tatsache jedoch ist, dass die Industrie heute durch Innovation und Kontrolle ihre Emissionen verringern konnte, während die Landwirtschaft als der größte Player in Sachen Luftverschmutzung rangiert. Gemeint ist die die industrielle Landwirtschaft mit Massentierhaltung. "Jeder Bürger und jede Bürgerin könnte schon allein dadurch etwas Gutes für unsere Luft tun, indem er oder sie ein bis zwei Mal in der Woche auf Fleisch verzichtet", empfiehlt Yuri Kazepov vom Institut für Soziologie der Universität Wien.

Kein Druck auf die EU

"Die größten Massentierhaltungsbetriebe machen nur fünf Prozent aller landwirtschaftlichen Betriebe in Europa aus. Von ihnen stammen aber 80 Prozent der gesamten Ammonium-Emissionen!", erklärt Kazepov. Er ist einer von neun Projektpartnern im kürzlich abgeschlossenen EU-Projekt SEFIRA: "Unsere Umfrage zeigt, dass dieses Wissen in den Köpfen der EU-BewohnerInnen so gut wie nicht existent ist. Zudem verfügen genau jene Großkonzerne über eine extrem starke Lobby in der EU."

In den 1980er-Jahren entwickelte sich nach dem Bekanntwerden des Phänomens Saurer Regen, verursacht von der Industrie, ein Umweltbewusstsein in Europa. "Seitdem hat sich viel getan, scharfe Richtlinien wurden eingeführt und umgesetzt, so dass die industrielle Luftverschmutzung heute wirklich zurückgegangen ist", so der Soziologe.

Was denken die Menschen?

Mit 16.000 TeilnehmerInnen aus sieben EU-Ländern – Belgien, Deutschland, Großbritannien, Italien, Österreich, Polen und Schweden – ist die SEFIRA-Umfrage die bisher größte Befragung zum Thema Luftverschmutzung in der EU. Anlass für das Projekt ist die geplante Verschärfung der europäischen Luftschutzrichtlinie. Die SEFIRA-Studie werde dabei als Hintergrundinformation gedacht und – leider – nicht als Handlungsbedarf gesehen: "Wobei wir natürlich hoffen, mit unseren Ergebnissen doch etwas beeinflussen zu können", so Kazepov.

Filmtipp zum Thema: Wer mehr über den Einfluss von Massentierhaltung auf die Umwelt erfahren möchte, dem empfiehlt der Soziologe Yuri Kazepov den Dokumentarfilm Cowspiracy aus dem Jahr 2014, produziert von Kip Andersen und Keegan Kuhn. Die Doku beleuchtet die Tatsache, dass die globale Fleisch- und Fischindustrie einen viel größeren Einfluss auf Klima und Umwelt schädigende Treibhausgase hat, als sämtliche anderen Abgasemissionen zusammengenommen.

"Ziel unserer Befragung war es zu verstehen, was und wie die Leute zu Klimawandel, Umweltschutz und im speziellen zu Luftverschmutzung stehen. Denn das Bewusstsein, das Wissen und die Annahmen der Menschen beeinflussen ganz enorm das Handeln der Politik", sagt der Soziologe und fügt etwas resignierend hinzu: "Unser Ergebnis kurz und etwas hart zusammengefasst: Die Menschen haben keine Ahnung!"

Tatsache ist, dass es allein aufgrund der Feinstaubbelastung in Europa – laut European Environmental Agency – jährlich zu rund 400.000 frühzeitigen Todesfällen kommt. Es ist den Menschen allerdings nicht bewusst, wer die Hauptverursacher sind, nämlich die erwähnte Großlandwirtschaft, aber auch das Transportwesen sowie die Holz- und Kohleheizungen in Privathaushalten.

AutofahrerInnen und FleischesserInnen

Befragt wurden pro Land 2.300 Personen, die mindestens vier Tage in der Woche mit dem Auto oder dem Motorrad unterwegs sind und Fleisch- oder Milchprodukte zu sich nehmen. Neben der Erhebung sozioökonomischer Daten, wie u.a. Geschlecht und Alter, stand die Einstellung der EU-BürgerInnen zu Luftqualität und Umweltschutz im Fokus der Umfrage. Daneben führten die WissenschafterInnen sogenannte Choice Experiments durch: Hierbei konnten die Befragten zwischen verschiedenen Politikmaßnahmen wählen, die sie für wichtig erachten. Ergebnis: Viele Befragte würden lieber Geld zahlen, als das eigene Verhalten zu ändern. "Insbesondere bei Männern ist auffällig, dass sie ihre Essgewohnheiten nicht aufgeben wollen", erzählt Kazepov von den Ergebnissen.

Abgefragt wurde außerdem, wie sehr die Menschen glauben, selbst als Individuen durch ihr Handeln zum Umweltschutz beitragen zu können. "Hier unterscheiden sich die Ergebnisse stark von Land zu Land. In Österreich und Großbritannien ist der Großteil überzeugt davon, dass das eigene Handeln konkrete Auswirkungen hat, in Polen denken das nur sehr wenige Menschen", so der Experte.

Fakten vs. Meinung

Den Hauptgrund für die Diskrepanz zwischen Fakten zur Luftverschmutzung und der Meinung vieler EU-BürgerInnen dazu sieht Kazepov in der Komplexität des Problems. Die Menschen sehen die Abgase der Dieselmotoren, nicht aber das ausgeschiedene Methangas hunderttausender Tiere in Massenhaltung. Vielen ist zudem die technische Sprache der WissenschafterInnen zu kompliziert. "Wir brauchen Vereinfachungen, die den Menschen die Realität näher bringen", sagt Kazepov.

Die Einführung und auch Umsetzung schärferer Richtlinien würde – "wie unser Projektpartner, das IIASA ausgerechnet hat", so Kazepov – kostenmäßig auf rund sechs Euro pro EU-BürgerIn jährlich kommen. "Das sind zwei Bier im Jahr, also durchaus machbar", meint der Soziologe: "Es ist an der Zeit, dass die Politik sowohl auf nationaler als auch internationaler Ebene handelt."

Aber genauso wichtig sei die Vermittlung des Problems an die Bevölkerung und damit eine Bewusstseinsschärfung, dass das Handeln einzelner Individuen sehr wohl zur Reduktion der Feinstaubemission beitragen kann. (td)


Das SEFIRA-Team der Universität Wien vom Institut für Soziologie v.l.n.r.: Roberta Cucca, Yuri Kazepov und Kristina Eisfeld. (Foto: Universität Wien)

Das EU-Projekt "SEFIRA – Socio Economic Implications for Individual Responses to Air Pollution" startete 2013 innerhalb des 7. EU-Rahmenprogramms und wrude Ende Mai 2016 abgeschlossen. Neun Projektpartner, unter Leitung der SoziologInnen Yuri Kazepov von der Universität Wien und Michela Maione von der Universität Urbino Carlo Bo, forschten transdiziplinär zum Thema Luftverschmutzung.

 

Forschungsnewsletter Juni 2016 | 13. Juni 2016
Universität Wien 13-06-2016
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